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Erste Stolpersteine in Biesenthal verlegt

Am 9. März wurden in Biesenthal die ersten Stolpersteine eingeweiht. An drei verschiedenen Orten in der Stadt verlegte der Künstler Gunter Demnig von der STIFTUNG – SPUREN insgesamt 7 Stolpersteine.

Vor dem Haus in der Hardenbergstr. 8 versammelten sich etwa 100 Menschen zu einer ersten Gedenkveranstaltung. Auf dem als erstes verlegten Stolperstein steht der Name von Emilie Weprajetzky.

Emilie Weprajetzky war nach bisherigem Recherchestand die erste gebürtige Biesenthalerin, die von den Nazis ermordet wurde. Sie wurde am 04.07.1940 im Rahmen der NS-Krankenmorde (Aktion T4) in Brandenburg/Havel vergast.

Geboren ist Emilie am 10. März 1892 im Biesenthaler Ortsteil Hellmühle als jüngstes von 10 Kindern. Ihre Famile arbeitete dort in einer Fanaserie. Sie hatte von Geburt an eine nicht näher bekannte geistige Behinderung.

Emilie verbrachte fast ihr ganzes Leben in Biesenthal: Lange lebte sie mit ihrer Mutter in der Berliner Straße 11 (diese Hausnummer existiert heute nicht mehr). Ihr Bruder Franz baute dann in den 20er Jahren ein Haus in der Hardenbergstr. 8, die damals Lindenstraße hieß und Emilie und ihre Mutter zogen dann dorthin. Nach Erzählungen der Familie lebte Emilie sehr zurückgezogen und verließ kaum das Grundstück. Sie beobachtete aber gerne Kinder beim Spielen.
So wie Emilie lebten in den 20er Jahren zahlreiche Menschen mit Behinderungen bei ihren Familien. Doch das änderte sich mit der Machtübernahme der Nazis. Die Nazis stellten Menschen mit Behinderung als gesellschaftliche Gefahr dar. Die Versorgung kranker Angehöriger war nun nicht mehr ein selbstverständlicher Akt, sondern wurde argwöhnisch betrachtet. Durch Gesetze und durch die ideologische Schulung von medizinischem Personal wurden Familien mehr und mehr gedrängt, ihre Angehörigen in sogenannte Anstalten abzugeben.
Am 30. September 1937 wurde Emilie zwangssterilisiert. Dies wurde angeordnet vom „Erbgesundheitsgericht“ Prenzlau auf Basis des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (GzVeN)“. Anfang 1939 wurde sie dann in die Landesanstalt Eberswalde eingewiesen.
Am 4. Juli 1940 wurde sie dann zusammen mit 60 weiteren Patientinnen aus Eberswalde in die NS-Töungsanstalt Brandenburg an der Havel ‚endgültig entlassen’.

Auf der Webseite der Gedenkstätte wird das Verfahren in Brandenburg folgender Maßen beschrieben:

Nach dem Verlassen der Busse brachte das Pflegepersonal [die Patienten und Patientinnen] zum Eingangsbereich der ehemaligen Anstaltsscheune. Nach Geschlechtern getrennt mussten sie sich entkleiden. Dann erhielten sie einen Stempel auf die Brust. Nach der Überprüfung ihrer Personalien führten Schwestern und Pfleger sie einem Arzt vor, der eine natürliche Todesursache für die Sterbeurkunde erfand. Zuletzt wurden die Patientinnen und Patienten fotografiert und anschließend in die Gaskammer gebracht.
Ein Arzt ließ Kohlenmonoxid in den Raum ein und beobachtete die Tötung durch ein kleines Fenster. Nach Abschluss des Tötungsvorgangs und der Entlüftung des Raums brachen SA- bzw. SS-Männer den Leichen die Goldzähne aus und brachten die Körper zu den Verbrennungsöfen im angrenzenden Raum.

Emilies Familie wurde dann unter erfundener Ursache über ihren Tod informiert. Auf Wunsch der Familie wurde sie auf einem Berliner Friedhof bestattet, doch die Urne enthielt, wie wir heute wissen, nicht Emilies Überreste, sondern einen willkürlichen Haufen Asche.


Auf der Gedenkveranstaltung sprachen der Biesenthaler Bürgermeister Carsten Bruch, der Barnimer Landrat Daniel Kurth und Elliot Müller von der Initiative Bunt statt braun Biesenthal.
Elliot Müller hat in den letzten Monaten intensiv die Geschichten der Biesenthaler*innen recherchiert, die von den Nazis verfolgt und ermordet wurden.

Sie sagte bei der Stolpersteinverlegung:
„Stolpersteine sind keine Abschlusssteine, die wir ablegen, um die Geschichte hinter uns zu lassen. Im Gegenteil: Sie bilden ein Fundament für die weitere Erinnerung und das Gedenken.
Sie bilden ein Fundament für die immer wiederkehrende Frage nach dem Schicksal eines Menschen.
Dieser Stein, der hier heute verlegt wird, wird weiter fragen: Wer war Emilie Weprajetzky? Und was passierte mit ihr?
Und die Antwort darauf ist keine Statistik, sondern ein individueller Lebensweg.
Stolpersteine übersetzen eine unvorstellbar großen Zahl an Opfern, an Menschen, die die Nazis systematisch verfolgt und ermordet haben, wieder in Einzelschicksale. Sie erzählen von einer Person und einem Leben.“

Anwesend waren auch einige Angehörige der Familie Weprajetzky, die noch heute in Biesenthal leben.

Bei der zweiten Gedenkveranstaltung am Biesenthaler Marktplatz fanden sich dann 120 Menschen ein. Vor dem Haus Am Markt 3 wurde ein Stolperstein für Sidonie ‘Toni’ Abraham verlegt. Sie wurde 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Toni wurde am 13.3.1886 in Sellnow geboren. Sie war das vierte von insgesamt mindestens sieben Kindern von Adolf und Adeline Abraham. Sellnow heißt heute Zieleniewo (bei Bierzwnik) und liegt etwa 80 km östlich bis südöstlich von Szczecin in Polen. Dort wächst Toni mit ihren Geschwistern auf. Ihre Eltern betrieben ein Geschäft, das 1911 ihr ältester Bruder Max übernimmt.

Ihre Eltern ziehen zu diesem Zeitpunkt nach Biesenthal. Toni ist zu diesem Zeitpunkt bereits Mitte zwanzig und folgt wie es damals für alleinstehende Frauen üblich war ihrer Familie. Ihr Vater übernimmt das Geschäft am Marktplatz von Gustav Löwenstein. Laut einem Yad-Vashem-Gedenkblatt war Toni Verkäuferin. Ihre älteste Schwester Grete ist zu diese Zeitpunkt bereits verheiratet. Auch sie zieht mit ihrer Familie nach Biesenthal (Breite Straße 59). Kurz nachdem die Familie in Biesenthal Fuß gefasst hat, bricht der erste Weltkrieg aus. Drei Brüder von Toni ziehen wenig später in den Krieg. Ihr wahrscheinlich jüngster Bruder Julius fällt im August 1914 an der Front. 1916 stirbt außerdem ihr Vater.

Aus dem Krieg zurückgekehrt übernimmt dann ihr zweitältester Bruder Leo das Geschäft am Marktplatz. Er heiratet und gründet in den 20er Jahren eine eigene Familie. Toni zieht in ein eigenes Zimmer in direkter Nähe zum Haus ihres Bruders. Laut Biesenthaler Adressbuch, in dem diese Adresse mehrfach belegt ist, war sie „Rentiere“. In einem von den Nazis angelegten Verzeichnis von vermögenden jüdischen Menschen im Barnim ist sie 1936 verzeichnet. Anscheinend musste sie die eigene Wohnung in den 30er Jahren wieder aufgeben und ist zu ihrem Bruder zurückgezogen.

Mit seiner Familie wird sie dann zuerst 1938 aus Biesenthal vertrieben und dann am 12.01.1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Ermordet wurden auch weitere Mitglieder ihrer Familie. An sie erinnern nun fünf Stolpersteine vor dem Haus Am Markt 5. Hier wohnten im Frühjahr 1933 Leo Abraham (geboren am 21.8.1883), seine Frau Johanna (geboren am 12.5.1896) und ihre Kinder Günther Julius (geboren am 25.7.1923) und Helga Adda (geboren am 28.3.1926) sowie Johannas Mutter Ernestine Schoeps (geboren am 28.10.1859).

Die Familie Abraham betrieb am Markt ein Geschäft für Weißwaren (Porzellan), Kleidung und Stoffe. Es gibt Berichte von alten Biesenthaler*innen, die als Kinder hier Schleifenbänder geschenkt bekommen oder ein Kleid gekauft haben.

Es gibt aber auch andere Berichte. Ab 1933 wurde auf dem Marktplatz direkt vor dem Geschäft eine Tafel aufgestellt, auf der öffentlich jede Person angeprangert wurde, die bei den Abrahams einkaufte.

Die Nazis verdrängten außerdem systematisch jüdische Kinder aus den öffentlichen Schulen.
Für Helga ist dokumentiert, dass sie 1935 mit 8 Jahren, die Volksschule Biesenthal wieder verlassen musste, in die sie 1932 eingeschult worden war. Wahrscheinlich erging es ihrem Bruder ebenso.

1938 schließlich gaben die Abrahams ihr Geschäft und ihr Zuhause hier in Biesenthal auf. Sie verkauften das Haus an die Sparkasse, die im Dezember 1938 hier am Markt ihre Filiale eröffnete.
Die Abrahams zogen im Sommer 1938 nach Berlin die Flensburger Str. 7 in Tiergarten.

Dies war, was viele jüdische Familien aus dem Berliner Umland zu dieser Zeit taten: Aufgrund der ständigen Anfeindungen auf dem Land hofften sie in der Stadt etwas Anonymität zu finden. Zugleich war dies jedoch fatal, denn hierdurch passierte genau das, was die Nazis intendierten: die jüdische Bevölkerung wurde immer weiter isoliert. Gewachsene Beziehungen und Freundschaften zerbrachen. Zugleich konnten die durch die diskriminierenden Umstände zunehmend verarmten jüdischen Menschen in den Großstädten als Problem dargestellt werden.

All das ermöglichte dann zuerst die Zwangsarbeit, zu der jüdische Menschen unter unwürdigen Bedingungen und ohne ausreichende Versorgung ab Kriegsbeginn verpflichtet wurden, und dann die massenhafte Deportation zuerst in osteuropäische Ghettos und dann immer häufiger direkt in die Vernichtungslager.

Ernestine Schoeps, die Mutter von Johanna Abraham, starb laut einem Berliner Register Eintrag am 7.9.1942. Als letzte Adresse ist die Elsässer Str. 85 eingetragen. Dort befand sich bis 1941 das Israelitische Krankenheim, in dem Ernestine möglicherweise eine zeitlang wohnte. Doch dieses wurde bereit ein Jahr vor ihrem Tod geschlossen, das Personal deportiert und das Gebäude von der HJ genutzt. Es ist anzunehmen, dass Ernestine ihr letztes Lebensjahr von Familie Abraham gepflegt wurde.

Am 12.1.1943 schließlich wurden Leo, Johanna, Toni, Günther und Helga Abraham nach Auschwitz deportiert und wahrscheinlich alle wenig später dort ermordet.

Über den Stand der bisherigen Recherchen zu den Biesenthaler Opfern des Nationalsozialismus gab es an diesem Tage in der Galerie im Rathaus gut besuchte Ausstellung.

Die Initiative Bunt statt braun Biesenthal hat angekündigt weitere Stolpersteine zu verlegen. Wer das mit einer Spende unterstützen will kann das gerne auf dem folgenden Spendenkonto tun:
Rückenwind e.V.
Berliner Volksbank
IBAN: DE85 1009 0000 7037 8270 07
BIC: BEVODEBB
Verwendungszweck: Stolpersteine